Freitag, 20. Juli 2012

Wohnanlage für Alt-Hippies

Ratgeber-Autor besucht "Legalize Kamillentee"

Auch die 68er werden 70: Deswegen gibt es jetzt die erste Alt-Hippie-Anlage. Ratgeber-Autor Heinz-Peter Tjaden hat sie besucht. Sein Bericht:

Die Wohnanlage "Legalize Kamillentee" liegt auf einer sanften Anhöhe, dem so genannten "Uschi-Obermaier-Hügel" mit einer meterhohen Hanfpflanze als wichtigstes Wahrzeichen. Die Lehmhütten sind zum Hof hin offen. Geschwungene Wege führen zur Martin-Luther-is-the-King-Church und zum "Sacco-und-Vanzetti-hätten-niemals-hingerichtet-werden-dürfen"-Mahnmal. Alles in dieser Anlage gehört allen, ein immerwährendes Problem für die dermaleinst flotte Hanna, die sich drei- oder vier Mal am Tag auf die Suche nach dem Kühlschrank begibt, der immer morgens noch in ihrer Lehmhütte gestanden hat, gut gefüllt war und abends leer ist.

Anlagen-Leiter Backwahn, der viele Jahre in Poona verbracht hat, trägt die Haare, die ihm noch geblieben sind, wie Krishna und preist beim Hüttenrundgang die Tatsache, dass hier nirgendwo ein Lord wohnt. Der Frau, die in der ersten Hütte wohnt, ist wieder einmal eine Meditation transzendental misslungen, so dass sie sich für den Rest des Tages zu einem Sit-in niedergelasssen hat, bei dem sie ihr Bewusstsein bis zum Abendessen erweitert.

Erweitert werden soll demnächst auch die Anlage, damit die Polizei bei regelmäßigen Razzien nicht immer sofort und überall als störend empfunden werden kann. Auf dem Programm steht heute ein Rudi-Dutschke-Gedächtnisspiel, bei dem die zu "Legalize Kamillentee" gehörende Genossenschaftsbank geschottert wird, bis sie über einen solchen nicht mehr verfügt. Anschließend setzt sich ein Demonstrationszug in eine Bewegung, die früher einmal schneller gewesen ist. Das Motto lautet "Und unter den Talaren die Gicht schon seit ein paar Jahren". Ein paar Alt-Revolutionäre haben sich für den Alternativ-Spruch "Macht nicht noch kaputter, was schon kaputt ist" entschieden.

Ausklingen soll der Abend mit einem Happening, bei dem Mike auf dem so genannten "Oldfield" Songs von Bob Dylan neu interpretiert, weil die Originalsongs inzwischen zu alt geworden sind. Die Anlagenbewohnerinnen und -bewohner rücken bei der Session immer weiter auseinander und rufen sich dabei im Minutenabstand gegenseitig zu: "Mein Körper gehört mir." Dann steigt ein riesengroßer Jutebeutel in den Himmel. Darauf steht: "Trau keinem über 30".

Die ersten Stunden der Nacht verbringen viele Alt-Hippies bei einem Therapeuten, der das Es ist alles viel zu schnell vorbeigangen wieder vom Ich bin dabei gewesen trennt, damit das Über-Ich endlich schlummern kann. Irgendwo erklingt "People in motion" - damit auch die Letzten zu ihrer Lehmhütte finden. Doch es gibt immer einen, der es nicht schafft. Der summt "If you´re going to San Francisco"...


Donnerstag, 19. Juli 2012

Aygül Özkan für zerstreutes Wohnen

Mit Projekten Senioren den Weg weisen

Hannover. Wer hilft mir, wenn ich nicht mehr selbst einkaufen gehen kann? Wie erreiche ich die nächste Arztpraxis? Diese und ähnliche Frage stellen sich viele ältere Menschen, die im Alltag zunehmend Unterstützung brauchen.

„Wir suchen wegweisende Projekte, die es älteren Menschen ermöglichen, eigenverantwortlich und selbstbestimmt im gewohnten Wohnumfeld zu leben. Mit dem Wettbewerb wollen wir diejenigen belohnen, die praxisnahe Lösungen vor Ort entwickeln und umsetzen", sagte Niedersachsens Sozialministerin Aygül Özkan.

Wichtig sei es, so die Ministerin, dass alle verantwortlichen Partner - beispielsweise die Kommune, lokale Wohnungsbauunternehmen, Pflegedienste oder Ehrenamtliche - dabei zusammenarbeiten. „Das schafft Vertrauen und gibt den Initiativen die nötige Verankerung im Quartier", betonte Özkan. Darüber hinaus sollen die Vielfalt der Projekte, die unterschiedlichen Ideen und individuellen Erfahrungen anderen als Vorbild dienen und dazu anregen, im eigenen Quartier tätig zu werden.
Bewerben können sich die Initiatoren eines Projektes an einem Standort in Niedersachsen. Dabei kann es sich beispielsweise um Kommunen, Stadt- oder Landkreise, Wohnungs­bauunternehmen, Vermieterverbünde, Pflegekassen, professionelle Anbieter sozialer Leistungen oder private Initiativen handeln. Berücksichtigt werden können sowohl bereits realisierte als auch noch in Planung befindliche Projekte.

Eine Jury unter Leitung von Alexander Künzel, Sprecher des Netzwerks Soziales neu gestalten (SONG), übernimmt die Auswahl der Gewinnerinnen und Gewinner. Ausgelobt wird eine Förderung in Höhe von bis zu 30.000 Euro für jedes ausgezeichnete Projekt. Diese Projekte können den Zusatz „Pflege im Quartier - Als Erfolgsmodell vom Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration prämiert und gefördert" führen.

Teilnahmeschluss ist am 15. Oktober 2012.

Montag, 2. Juli 2012

Nachmittags um 16 Uhr

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In irgendeinem deutschen Alten- und Pflegeheim

Ein Baum, Blumenbeete, gepflasterte Wege im Innenhof, ein Lied flattert durch eine offene Tür in den Gang zu den Zimmern 17 und 18.

"Sie war das allerschönste Kind, das man in Polen find."

An einem Tisch im Innenhof sitzen eine Altenpflegerin, vier ältere Damen, kein älterer Herr.

"Aber nein, aber nein, sprach sie, ich küsse nie."

Aus Zimmer 17 kommt Protest. Eine Männerstimme, etwas brüchig.

"Kann mal jemand das Radio leiser machen oder einen anderen Sender einstellen?"

Auf dem Gang zieht Adele Wagner mit ihrem Rolli an Rosi Schmidt vorbei. Gestern hat dort Rosi Schmidt die Führung übernommen.

Nun wird es eng für Adele Wagner und Rosi Schmidt. Ein Tisch ragt in den Gang. Josef Meier spielt mit seinem Zimmernachbarn aus der 18 Poker, will zwei neue Karten, setzt eine Kukident-Tablette auf sein Blatt. Egon Dobler hält mit zwei Kukident-Tabletten dagegen.

Im Innenhof singen sie das nächste Lied.

"Kein schöner Land in dieser Zeit..."

Die Männerstimme aus Zimmer 17, immer noch brüchig, wird lauter.

"Macht endlich das Radio aus!"

"...als hier das unsere weit und breit."

Rosi Schmidt rammt mit ihrem Rolli den Pokertisch. Die Karten fallen herunter. Die Kukident-Tabletten auch.

Die Altenpflegerin Renate Siemens hat keinen Blick für Adele Wagner und Rosi Schmidt, eine der Pokerkarten erwischt sie mit dem linken Fuß,  das Pik As hebt vom Boden ab, fliegt durch die offene Tür in den Innenhof, wird dort von einer Windbö erfasst.

"Wo wir uns finden wohl unter Linden..."

Die Männerstimme aus Zimmer 17 kündigt die Zerstörung eines Radios an.

Renate Siemens erreicht das Büro zwischen Zimmer 16 und Zimmer 15.

"Schnell. Ich brauche Hilfe in Zimmer 20. Frau Müller hat von ihren Kindern schon wieder eine fleischfressende Pflanze geschenkt bekommen. Zwei Finger der linken Hand sind schon gefressen worden."

Eine Altenpflegerin, vier ältere Damen, kein älterer Herr stimmen im Innenhof das dritte Lied an.

"Der Mond ist aufgegangen..."

In Zimmer 17 macht sich jemand ganz langsam auf den Weg zur Zerstörung eines Radios.